Es wird spannend

In den letzten zehn Jahren wurde es in Hamburg zwischen dem 15. Februar und dem 26. März warm genug für den Reinigungs-flug. Auch in diesem Jahr war es mit 15,3°C am 15.02.2024 bereits früh warm genug - allerdings sanken die Temperaturen auch immer wieder ab. Insbesondere nachts wurde es immer wieder richtig kalt, sodass morgens frostige Temperaturen um den Gefrierpunkt keine Seltenheit waren. Erst ab Anfang März wurde auch regelmäßig geflogen.

 

Die erste kurze Durchsicht des Jahres 2024 stand an! Denn im Laufe des Monats März wollten wir mit einem Bienenvolk auf das Dach des Thalia Theaters umziehen. Dafür hatten wir letztes Jahr extra ein Volk "umgeweiselt", das heißt, es wurde mit einer neuen Königin ausgestattet, die besonders friedlich sein sollte. Wir achten sehr darauf, dass unsere Bienen von friedliebendem Wesen sind und weiseln regelmäßig um, um diesen Wesenszug durch Zucht zu stärken.

Bisher hatten wir nur vorsichtig angeklopft, um per "Soundcheck" zu prüfen welche Völker den Winter überlebt hatten. Jetzt hieß es Deckel auf und reinschauen!

Vor dem Umzug steht eine weitere wichtige Hürde an: die Seuchenfreiheitsbescheinigung. Dafür haben wir, wie es vorgeschrieben ist, unter Aufsicht eines Imkerkollegen aus unserem Imkerverein Langenhorn Norderstedt, für eine Futterkranzprobe mit einem Löffel etwas Honig aus mehreren Rähmchen von dem Volk entnommen und diese dem Institut für Hygiene und Umwelt Hamburg zur Überprüfung vorgelegt. Dabei wurde getestet, ob Erreger der Amerikanischen Faulbrut vorliegen. Nur wenn diese ausgeschlossen werden kann, darf ein Bienenvolk den Heimatbezirk verlassen und umziehen! Das Ergebnis ist negativ und somit darf das Volk bald in sein neues Zuhause auf dem Dach des Thalia Theaters umziehen.

 

Für eine umfassende Durchsicht war es trotz Sonne noch zu kalt, doch auf den ersten Blick war schon zu erkennen, dass die neue Königin im Winter einige Probleme hatte. Vermutlich war sie zu spät im Jahr eingesetzt worden. Während wir erwartet hatten, von viel Sommerbienen-Brut begrüßt zu werden, so war leider nur Drohnen-Brut anzutreffen. Dies passiert wenn keine befruchtete Königin Eier legt, sondern eine Arbeiterin beginnt als Ersatz zu fungieren - aus unbefruchteten Eier können nur männliche Bienen schlüpfen.

Endlich Frühling

In den Winter gegangen sind wir mit acht Bienenvölkern. Ein Volk war (vermutlich) zu klein und hat nicht überlebt. Bei einem weiteren Volk hat (vermutlich) die Königin nicht überlebt - vielleicht gelingt es uns noch, dieses Volk zu retten. Da es bis Mitte März noch zu kalt für umfassende Durchsichten aller Völker war, konnten wir noch nicht aus anderen Völkern Brut entnehmen, die bereits kurz vor dem Schlüpfen stand. Durch den vielen Regen bis Ende des Monats ist noch nicht viel passiert und das Volk hat noch alle Chancen zu überleben. Also heißt es weiter abwarten und Tee (mit Honig) trinken!

Dem Flugbetrieb nach haben die anderen Bienenvölker den Winter jedoch gut überstanden. Es werden bereits fleißig neue Pollen eingetragen. Dies ist gut erkennbar an den gefüllten "Pollenhosentaschen" oder "Pollenhöschen". 

Was ist das, eine Durchsicht?

Wir haben schon viel von sogenannten Durchsichten gesprochen. Doch was ist das genau und wie gehen wir vor?

Richtig anziehen

Wenn Bienen stechen, dann tut das ganz schön weh. Natürlich wollen wir auch verhindern, dass unsere Bienen unnötigerweise wegen eines Stichs sterben. Daher ist ordentliche Schutzkleidung insbesondere für längere Durchsichten unabdingbar.

Der Imkeranzug besteht aus dem Imkerhut mit Schleier (wer möchte schon aufgebrachte Bienen im Gesicht herumschwirren haben?), einem weißen Overall (unbedingt so weit wie möglich über festes Schuhwerk ziehen, denn  wir wollen auch keine Bienen in der Hose haben!) und festen Leder- oder gefütterten Gummihandschuhen, um richtig anpacken zu können. Das gilt natürlich auch für Kinder!

Übrigens sagt man, dass Bienen dunkle Kleidung mit räuberischen Bären assoziieren, die ihnen den Bienenstock zerstören und den Honig verputzen wollen. Daher ist der traditionelle Imkeranzug weiß - Eisbären gibt's hier nämlich keine. 

Nötiges Material und Werkzeug 

Zu den für jede Durchsicht wichtigen Werkzeugen gehören unter anderem: Stockmeißel, Wabenheber, Wabenhalter und ein Geschirrhandtuch.

Die genannten Werkzeuge klingen erstmal überzeugend professionell, aber ein Geschirrhandtuch? Wenn Deckel und Abdeckfolie abgenommen wurden, dann fliegen die Bienen aufgeregt nach oben in Richtung Imker. Das wollen wir nicht - daher decken wir die nicht zur Überprüfung aus der Zarge herausgenommenen Rähmchen mit einem Geschirrhandtuch ab. Dieses "verschieben" wir immer weiter, je weiter wir mit der Durchsicht vorankommen. So einfach kann es sein...

Abgesehen von dem Werkzeug sind auch weitere Materialien nötig - je nachdem, was gerade ansteht. Werden alte Waben entnommen, werden neu eingedrahtete Mittelwände zum Ausbau durch die Bienen benötigt. Oder auch ein Leerrähmchen für Drohnenbrut, denn diese entfernen wir regelmäßig um die Belastung mit Varroa-Milben im Bienenvolk zu reduzieren.

Deckel ab!

Angezogen? Material und Werkzeug bereitgelegt? Super, los geht's!

Zuerst kommt der Deckel ab, dann wird die Abdeckfolie abgenommen. Aus dem Winter kommen die meisten Bienenvölker "einzargig", das heißt sie werden in nur einem grünen Kasten, einer Zarge, überwintert. In einer Zarge befinden sich bei uns 11 "Rähmchen", das sind die kleinen Holzrahmen mit den Waben aus Wachs. Je nachdem mit welchem System geimkert wird, sehen die Zargen und Rähmchen ganz unterschiedlich aus. Wir imkern auf der sogenannten Segeberger Beute mit Rähmchem im Deutsch Normalmaß. Das ist wichtig zu wissen, denn die Systeme sind miteinander nicht unbedingt kompatibel.

Bei einer Durchsicht werden alle Rähmchen nach und nach entnommen und genau von beiden Seiten angeschaut. Dabei beachten wir, dass die ursprüngliche Reihenfolge beim Zurückstellen wieder hergestellt wird. Das ist wichtig, um zum Beispiel das Brutnest nicht zu zerstören - die Bienen konzentrieren ihre Brutbemühungen auf Rähmchen in der Mitte des Volkes, um beispielsweise Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu kontrollieren und die Brut optimal pflegen zu können.

 

Wo ist die Königin?

"L'état c'est moi!", sagte der der als Sonnenkönig bekannte König Ludwig XIV. Vielleicht hätte er auch eine gute Bienenkönigin abgegeben - ohne sie ist ein Bienenvolk jedenfalls nicht überlebensfähig.

Daher machen wir uns bei jeder Durchsicht auf die Suche nach der Königin. Je nachdem aus welchem Jahr sie stammt, hat sie ein kleines Plättchen einer festgelegten Farbe auf dem Rücken. Zum einen erleichtert es uns ungemein, sie aufzuspüren, und zum anderen wissen wir so immer, wie alt unsere Königin ist. Das erlaubt uns, den Überblick zu behalten wann eine neue König herangezogen werden muss. Drei bis fünf Jahre wird eine Königin alt, danach muss eine neue Königin das Zepter übernehmen.

Die Königin hat im Volk vor allem eine Aufgabe: Eier legen! Und auch nur sie ist in der Lage, diese richtig - hübsch mittig in der Zelle - zu platzieren. Ist die Königin zu alt oder hat eine Arbeiterkönigin übernommen, so ist dies alleine schon an das Platzierung eventueller Brut in den Zellen und auf der Wabe zu erkennen. Außerdem ist die befruchtete Königin als einzige in der Lage weibliche Bienen, nämlich die Arbeiterinnen, zu produzieren. Und diese Arbeiterinnen sind diejenigen, die den leckeren Honig herstellen, die Brut pflegen, das Zuhause gegen Eindringlinge verteidigen und vieles mehr. Die männliche Biene, der Drohn, hat hingegen nur eine Aufgabe: Königinnen begatten. 

Brutzargen, Honigzargen

Wir schauen uns den Zustand der Völker genau an, denn im Frühjahr findet die Umstellung von Winter- auf Sommerbienen statt. Das bedeutet vor allem ein starkes Wachstum der Völker und die Bienen brauchen mehr Platz. 

Im Winter liegt der Fokus darauf, dass die Bienen so wenig Energie wie möglich auf das Warmhalten des Bienenstocks aufwenden müssen. Dafür reduzieren wir im Herbst auf eine Zarge. Um mit dem Frühjahrswachstum mithalten zu können, wird bald aber die zweite Brutzarge benötigt. Kommen wir damit zu spät an, riskieren wir dass die Bienen schwärmen und abhauen, um ein schöneres, größeres Zuhause zu finden. Das passiert jedoch regelmäßig bei unaufmerksamen Imkerinnen und Imkern - wir freuen uns darüber, wenn wir einen solchen Schwarm einsammeln dürfen.

Oft sieht man im Sommer Türme, die aus drei oder vier Zargen bestehen. Sobald die sogenannten Massentrachten wie Obstbäume oder Raps blühen und die Bienen sehr viel Honig und Pollen einlagern, werden neben den Brutzargen auch Honigzargen benötigt - also Zargen Nummer 3 und 4. Damit die Königin aber nicht in den Honigzargen ebenfalls Brutnester anlegt, ist eine Trennung zwischen Brut- und Honigräumen notwendig und wir setzen ein Absperrgitter ein. Dabei machen wir uns zu Nutze, dass die Königin größer ist als die Arbeiterinnen - diese passen durch die Löcher der Trennwand und können zwischen den Zargen hin und her wechseln.

Aussortieren, Austauschen?

Da Bienen sich ihre Energie gut einteilen müssen, werden Waben von uns zum Beispiel nach dem Schleudern zum "Ausputzen" wieder in die Völker zurück gegeben. Das heißt auch, dass die Waben über mehrere Jahre genutzt werden. Je länger sie im Brutraum des Bienenvolks bleiben, desto dunkler werden sie.

Bei den Durchsichten schauen wir also, ob Waben beschädigt sind, ob wir Wildbau finden, der entfernt werden muss, oder ob wir alte Rähmchen austauschen und ersetzen müssen. Das alte Wachs schmelzen wir aus und schicken es zur Aufarbeitung ein. Vom Wachsverarbeiter wird es gereinigt und zu neuen Mittelwänden verarbeitet. Diese erhalten wir wieder zurück und setzen sie dann in unseren Völkern ein.

Einen eigenen Wachskreislauf zu etablieren ist wichtig, damit keine Krankheitskeime anderer Bienenvölker bei uns eingetragen werden können. Neben der Varroa-Milbe gibt es leider viele weitere Krankheiten, die Bienenvölker schwächen oder sogar zu Verlusten von ganzen Völkern führen können.

Bereits erwähnt haben wir schon die Amerikanische Faulbrut, eine besonders gefährliche, anzeigepflichtige Tierseuche. Hochinfektiös ist sie zwar für Menschen ungefährlich, verbreitet sich aber bei Auftreten in schlecht gepflegten Völkern rasant weiter. Befallene Völker und alle Materialien wie Zargen, Rähmchen etc. müssen aufwändig saniert oder vernichtet werden. Daher ist Hygiene im Umgang mit allen Materialien und insbesondere die regelmäßige Kontrolle aller Völker nicht nur im Sinne des besitzenden Imkers sondern aller Menschen, die Bienen halten.
 

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